EBERHARD MEIER

Mittelreif

Kindheit und Jugend in einer Zeit zwischen
Stillstand und Aufbruch
122 Seiten
Best.-Nr. 978-3-043443-25-7
Preis: 9,90 €

Moderne Kunst
In Kassel findet die weltberühmte Kunstausstellung documenta statt – und ich war dabei. Nicht, dass ich freiwillig nach Kassel fuhr. Das kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Kassel ist für mich verbunden mit dem AueStadion und dem Verein Hessen Kassel. Documenta – das hört sich schon so akademisch an. Aber unser Kunstlehrer, Herr Menter, hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, uns Banausen an die moderne Kunst heranzuführen. Ich malte viel lieber Aquarelle mit Motiven aus der Natur. Einige meiner Bilder wurden im Flur der Schule, gut sichtbar für die ganze Schulgemeinde und ihre Gäste, ausgestellt. Aber zu den Werken moderner Künstler hatte ich keinen Bezug.

Wir waren drei Klassen, die im Bus die A7 ab Bockenem Richtung Süden fuhren, um nach 1 ½ h Stunden in Kassel anzukommen. Pädagogisch wurden wir ein letztes Mal eingenordet: "Seid offen für Neues! Fragt nach, anstatt vorschnell abzulehnen. Traut nicht dem ersten Anschein!" Kopfnickend machten wir uns in Gruppenstärke auf den Weg in die fremde Welt der modernen Kunst. Am Rande hörte ich Gesprächen von wirklich interessierten Menschen zu. Die Sprache, die sie dabei verwendeten, war mir so fremd wie die Fachsprache bei einer Weinprobe. In den Räumen der Ausstellung fanden sich nicht nur abstrakte Bilder, sondern auch viele Plastiken, die aus Alltagsgegenständen angefertigt worden waren. Mir stand die Frage im Gesicht geschrieben: "Und das alles ist Kunst?" Aber ich wollte ja nicht als Kunstbanause dastehen und gab provozierende Sätze zum Besten: "Das spiegelt den Widerspruch unserer Zeit! Der Künstler hat alles auf den Kern reduziert: die Einsamkeit! Farbe ist Kosmetik!". Ein paar Damen mit Katalog unter dem Arm, Söckchen, Sandalen und einem Knoten im Haar nickten mir aufmunternd zu. Dabei war ich doch nur auf dem Weg zur mittleren Reife!

Im Freigelände wusste ich manchmal nicht, ob ich mich inmitten einer Sperrmüllsammlung, einer Baustelle oder eines Gartenbaubetriebs befand. Ich hielt jeden Bärtigen für einen Künstler und betrachtete ihn intensiv, aber nicht devot. Frauen in Latzhosen wurden von mir als Künstlerinnen eingestuft. Es hätten aber auch Gymnasiallehrerinnen mit den Fächern Kunst und Griechisch sein können.

Das einzige, was bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterließ, waren die Skulpturen von Henry Moore. Er verstand es meiner Meinung nach eindrucksvoll, die Zerrissenheit, in der sich unsere Welt befindet, durch die äußere Gestalt seiner Plastiken widerzuspiegeln. Das war es aber auch.

Auf der Rückfahrt wurde ich reisekrank und musste mich in eine Tüte übergeben.
Ich bin in meinem Leben nie wieder auf eine documenta gefahren.


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